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  Rezension
Ausgabe 1
 
 
Maghan Keita (Hg.). Conceptualising/ Re-conceptualising Africa. The construction of African historical identity (International studies in sociology and social Anthropology, Bd. 83),
Leiden, Boston, Köln: Brill, 2002, 128 S, ISBN 9004124209, 49 €

Albert Gouaffo (Dschang)
 
 

Das wissenschaftliche Bedürfnis der europäischen Moderne, die Welt nach geographischen Einheiten einzuteilen, um sie besser zu studieren, hat die Geschichtsschreibung dazu verleitet, totalitäre Diskurse über Völkerschaften zu produzieren, die heutzutage als selbstverständlich erscheinen.
Die Querbeziehungen zwischen den Völkern und Kontinenten, die wechselseitige Austauschprozesse zur Folge haben, werden praktisch ausgeblendet. Der Sammelband des Historikers Maghan Keita hinterfragt diese historischen Mythen hinsichtlich der afrikanischen Geschichtsschreibung. Afrika ist erfunden worden und eine differenzierte Neu-Lektüre seiner Geschichte kann nur im Netzwerk der Weltgeschichte (lokal und global) erfolgen. Die These ist kühn und das interdisziplinäre Team (Historiker, Soziologen, Kulturwissenschaftler, Anthropologen und Politologen) versucht, in sechs Beiträgen, diese Herausforderung anzunehmen. Der Ansatz bei allen Beiträgen ist interkulturell und alle Mitautoren zeigen in ihren jeweiligen Texten, wie Afrika als Legitimationsfaktor in der Weltgeschichte von der Antike bis in die Gegenwart fungiert hat.

Der Beitrag des Historikers Lamont Dehaven King zum Verhältnis von Staat und Ethnien im vorkolonialen Nord-Nigeria dekonstruiert die vorherrschende Vorstellung von ethnisch homogenen Volksgruppen in Afrika. Am Beispiel des Staates Katsina im Nordnigeria zeigt er wie prozessartig von der Vorkolonialzeit bis zum 19 Jahrhundert die Haussa- und die Fulani-Hegemonie unter Einfluss islamischer Invasion interagiert hat, so dass eine hybride Kultur daraus entstanden hat. Der europäische Nationsbegriff als Existenz einer homogenen ethnischen Gemeinschaft, die durch eine gemeinsame Sprache, Kultur und Geschichte gekennzeichnet wird, verliert hier seine Tragfähigkeit. Der Soziologe Jesse Benjamin geht auf eine andere vernachlässigte Dimension der Weltgeschichtsschreibung ein: Die bi-direktionelle Interaktion. Er untersucht die Beziehungen zwischen Ostafrika und dem Nahost 500 Jahre vor Christi und stellt fest, dass das bisherige Wissen über diese beiden Kulturräume dekolonisiert werden muss:
“Historical questions regarding this region revolve around the opposed terms: ‚East Africa’ and ‚Middle East’. These are little more than anachronistic post eighteen-century Western designations that imply posit a pre-existing separation between these realms” (S. 32).

Mit kulturwissenschaftlichen Kategorien wie die des „Fremden“ bringt Jeremy Prestholdt mehr Licht in die afrikanische Geschichtsschreibung. Im Lichte von portugiesischen Reiseberichten über die Swahilis an der Küste Ostafrikas zeigt er wie ungeeignet die Kategorie des Fremden als radikale Trennlinie vom Eigenen ist, wie ideologisch die kulturellen Grenzen vom europäischen Betrachter gezogen werden. Da die portugiesischen Händler Swahili-Partner brauchten, haben sie in ihrer Wahrnehmung von den Swahilis eine Hierarchie gebildet: Die Swahilis der Küste werden als ihrer Kultur angehörend und die des Hinterlands als Primitive betrachtet. Das Fremde als wissenschaftliche Kategorie wird willkürlich. Deshalb plädiert Prestholdt für eine Differenzierung: „Through an interrogation of Portuguese perceptions of Swahili-Speakers, this paper shows that the totalizing concept of „Other“ as a unit for analysing European/non European social relationships does not fit certain historical circumstances. In the case of East African coast, degrees of familiarity and/or Otherness seem more appropriate analytical tools for reconstructing the history of European conceptual categories (S. 53-54)”.

Thomas Ricks analysiert die Praxis des Sklavenhandels und den Einsatz von Sklaven afrikanischer Herkunft in Iran vom Jahre 1500 bis zum Jahre 1800. Er öffnet somit ein vergessenes Kapitel der iranischen Geschichte. Mit Statistiken belegt er die Spuren der aus Zanzibar verschleppten afrikanischen Sklaven, die bis in Shi’i-Iran in der Landwirtschaft eingesetzt wurden; dies ungeachtet der internationalen Verbots des Sklavenhandels.
Die Kategorie des Fremden taucht wieder im Beitrag des Anthropologen Robert Launay auf. Er vergleicht die Wahrnehmung von Hottentotten am Kap der guten Hoffnung mit der von Asiaten in den Reiseberichten des 17. und 18. Jahrhunderts: „On the contrary, it is essential to pay attention to the ways in which representations of different kinds on non-European ‚Others’ both Asian and African, articulate with one another within these narratives in order to evaluate representations of South Africans in a broader light (S. 90).” Dieser Vergleich entblößt den europäischen Diskurs über den Anderen als einen Diskurs der Macht. Ob man mit Hottentotten in Afrika oder mit Asiaten zu tun hat, pendelt der europäische Diskurs zwischen Exotismus und Rassismus.

Der Sammelband endet mit dem politikwissenschaftlichen Beitrag von Richard J. Payne und Cassandra R. Veney. Der Beitrag zeigt, wie Taiwan in seinen konfliktuellen Beziehungen zu der Volksrepublik China auf diplomatischer Ebene afrikanische Länder für seine völkerrechtliche Anerkennung gekauft hat. Das Prinzip bestand darin, afrikanischen Ländern finanzielle Hilfe zu gewähren, die Taiwan als unabhängiger Staat anerkannten, eine Art Hallsteindoktrin aus taiwanesischer Perspektive.
Die verschiedenen Zugänge zur afrikanischen Geschichtsschreibung, die dieser Sammelband bietet, zeigen, dass die afrikanische Geschichte neu geschrieben werden soll. Afrika als vom Weltgeschehen gelöste Einheit ist ein Konstrukt der westlichen Welt. Interessant an dieser Arbeit ist die diachronische Perspektive: Afrikanische Geschichte von der Antike bis zur Gegenwart.

Das Buch ist sehr gut aufgebaut, leserlich und mit einem Index versehen. Wahrscheinlich ist dies der Grund, warum der Verlag Brill es in seiner Reihe „international studies in soziology and social anthropology“ angenommen hat. Dennoch ist der Titel irreführend. Der Leser versteht schlecht den Schrägstrich im Titel (Conceptualising/ Re-Conceptualising Africa). Es ist nicht klar, ob es um eine Entweder-oder-Relation oder um eine chronologische Beziehung zwischen den beiden Begriffen handelt. Darüber hinaus erwartet der Leser von einem solchen pompösen Titel eine umfangreiche theoretische Auseinandersetzung über die Geschichte dieses Kontinentes. Er muss sich leider mit sechs Beiträgen begnügen, die in 102 Seiten die Geschichte Afrikas auf Ostafrika konzentrieren. Der Herausgeber dieses Sammelbandes ist sich dieser Schwäche des Buches bewusst, deshalb formuliert er in der Einführung vorsichtig seinen Appell an den Leser: „These essays address this issues in term of the ways in which Africa has been conceptualized, and, therefore, might be re-conceptualisezed“ (S. 1). Die Stärke dieses Sammelbandes liegt in der Dekonstruktion von Totalitäten und in der These, dass in der Geschichtsschreibung Afrikas wechselseitige Beziehungen lokal und global einbezogen werden müssen.