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Ausgabe 1
 
 
Vorwort

Seit den 60er Jahren wird im frankophonen Afrika Deutschunterricht erteilt. Dieses Fach ist im Kontext der europäisch-afrikanischen Kontakte nach Afrika importiert worden. In den 70er Jahren wird Deutsch an jungen afrikanischen Universitäten studiert. Versuche lassen sich in den 80er Jahren verzeichnen, die den Sinn und Stellenwert dieser Nationaldisziplin in einem Raum wie Afrika ohne "Nation" im europäischen Sinne hinterfragen. Von den einzelnen Positionen her lässt sich eine gemeinsame Orientierung feststellen: Die Wissenschaft des Deutschen, sei sie Germanistik oder Deutsch als Fremdsprache genannt, soll, wie jede Wissenschaft, einen Praxisbezug haben. Bisher hat sich die afrikanische Germanistik vorwiegend in der Ausbildung von Multiplikatoren ausgezeichnet. Der Bedarf an Multiplikatoren scheint inzwischen weit gehend gedeckt zu sein. Diese Disziplin steht heute im Kontext der Globalisierung, die durch die Abwesenheit Afrikas in den internationalen Diskussionsforen und Entscheidungsgremien gekennzeichnet ist. In diesem Sinne steht Afrika vor titanischen Herausforderungen, die angenommen werden müssen. Folglich drängt sich die Frage auf, was die Germanistik als wissenschaftliche Disziplin in diesem Umbruchprozess leisten kann. An dieser Stelle können nur einige Anregungen festgehalten werden, die sich unseres Erachtens aus der Vorstellung einer zukunftsträchtigen Germanistik herauskristallisieren:
  1. Die afrikanische Germanistik muss noch stärker als vorher ihre Position in der Forschung artikulieren. Wissenschaft heißt auch Standpunkt beziehen und ihn vertreten.

  2. Die afrikanische Germanistik soll durch postkoloniale Antworten ihre avantgardistische Rolle in Fragen der multikulturellen Forschungen betonen und ins rechte Licht setzen, wie es die Diaspora in den 30er und 50er Jahren des letzten Jahrhunderts bereits versucht hat.

  3. Das Entwicklungs-Können der Deutschstudien als Wissenschaft in Afrika soll nicht nur behauptet, wie es bisher getan wurde, sondern durch praxisbezogene Curricula und empirisch durchgeführte Evaluierung nachgewiesen werden.
Die unter vielen schwierigen Rahmenbedingungen erzielten Ergebnisse sind den Afrikanern häufig schwer zugänglich, denn sie erscheinen hauptsächlich in außerafrikanischen Fachzeitschriften. Bei der Gründung unserer interdisziplinären Forschungsgruppe "Etudes germano-africaines" haben wir daher gleichzeitig auch das Problem der Diffusion unserer Forschungsergebnisse lösen wollen und haben Mont Cameroun, Afrikanische Zeitschrift zum deutschsprachigen Raum gegründet. Die Zeitschrift fungiert als wissenschaftliches Diskussionsforum, das von Afrika aus, gemeinsam mit anderen Zeitschriften vor Ort, globalisierungsbezogene Standpunkte der Wissenschaftsgemeinschaft formuliert und diskutiert. Dies geschieht mit Hilfe von Kooperationspartnern in Europa, die auf ehrenamtlicher Basis dieses Projekt fördern.

Das Thema dieses ersten Bands lautet: Perspektiven afrikanischer Germanistik: Bilanz und Herausforderungen.

Der Band enthält acht Beiträge zur Frage der Germanistik als Fremdsprachenphilologie im Zeitalter der Globalisierung: Sechs Beiträge widmen sich dem Wissenschaftsbetrieb von Germanistik in Forschung und Lehre an afrikanischen frankophonen Hochschulen. Die zwei anderen beschäftigen sich zwar nicht direkt mit der Thematik des Bandes, zeigen aber wie global der Druck auf National- wie Fremdsprachenphilologien aussehen könnte und welche Gegenmaßnahmen schon getroffen wurden oder noch zu treffen sind.

Der Beitrag von Salifou Traoré geht auf die Konstituierungsphasen der Germanistik im frankophonen Afrika südlich der Sahara ein und zeigt, den bisher zurückgelegten Weg, einen Tatbestand, der von der Forschung in Europa kaum wahrgenommen wird. Esaie Djomo verfährt genauso historisch und zeigt, wie die Adaptation von Lehrwerken an die Bedürfnisse der Lernenden in Afrika prozessartig zu verlaufen hat. Die afrikanischen Germanisten sehen ihre Tätigkeit in ihren jeweiligen Ländern auch kritisch und entwerfen und erproben Modelle in ihren jeweiligen Fächern. Albert Gouaffo sieht ein interkulturelles Training durch Literatur als zukunftsträchtig, während sein Kollege Bernard Mulo Farenkia aus einer linguistischen Perspektive dasselbe unternimmt. Esaie Djomo und Albert Gouaffo zeigen am Beispiel der Deutschabteilung der Universität Dschang in Westkamerun, dass es Versuche in Afrika gibt, die Germanistik als Teil von Europa-Wissenschaften zu begreifen. Das Motto heißt Polylingualität und Suche nach Schnittstellen zwischen Sprachen und sprachbezogenen Berufen. Mohamed Larabi Diallo berichtet in seinem Beitrag über die Praxis des Deutschunterrichtes und des Germanistikstudiums in Mali. Dieser informationsreiche Beitrag reflektiert die relativ schwache infrastrukturelle Lage des Faches in Afrika. Der Beitrag von Hans-Jürgen Lüsebrink stellt die nationalen Philologien im globalen Kontext dar und zeigt die Chancen, die die neue Konstellation bietet. Globalisierung heißt auch kulturelle Verwahrlosung und Verflachung. Das ist eine Gefahr, auf die Lutz Götze hinweist. Europa und weite Kreise in Afrika, Asien und Lateinamerika müssten sich dagegen stellen.

Albert Gouaffo und Salifou Traoré
September 2004