Drucken
  Archiv
Ausgabe 2
 
 
Vorwort

Deutsche Sprache und Kultur in Kamerun zum Gegenstand wissenschaftlicher Auseinandersetzungen zu machen, ist auf dem ersten Blick befremdend, denn Deutschland wird als eines der wenigen europäischen Länder betrachtet, das - im Gegensatz zu England und Frankreich, Belgien, Spanien und Portugal, um nur einige zu nennen – historische und kulturelle Langzeiterfahrung mit Afrika hat. Diese Vorstellung hat zum einen damit zu tun, dass mit Afrika immer die Last der Kolonialzeit assoziiert wird. Zum anderen ist die Deutsche Sprache die einzige Sprache eines ehemaligen Koloniallandes, die sich als offizielle Nationalsprache in Afrika nicht hat durchsetzen können. Dies heißt aber nicht, dass das Rad der Geschichte dort stecken geblieben ist. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts trug Deutschland – auch wenn nur für kurze Zeit - zum Export der heute als global angesehenen europäischen kulturellen Muster nach Übersee – so auch nach Afrika – bei. Dieser Kulturtransfer hat im kolonialen und postkolonialen Afrika negative aber auch positive Spuren hinterlassen. Die großen Probleme der modernen transatlantischen Migration verschiedener Art, mit denen unsere globale Welt heute konfrontiert ist, fordern die Wissenschaft dazu auf, auf die Chancen, aber auch auf die Gefahr einer dogmatischen Sicht der neuen Konstellation aufmerksam zu machen. Was kann aber die Wissenschaft und besonders die Kulturwissenschaft aus afrikanischer Sicht zu der Thematik beitragen?

Die kulturelle Dimension der kamerunisch-deutschen Beziehungen in diesem Forum zu thematisieren, bedeutet, der Frage nachzugehen, ab wann, wie und warum Deutschland direkt oder indirekt Beziehungen zu Kamerun unterhält und unterhalten wird. Dies zu erhellen und wissenschaftlich zu belegen, ist zentrale Aufgabe dieses zweiten Bandes von Mont Cameroun. Von den insgesamt neun Beiträgen, die diesen Band ausmachen, widmen sich sechs Beiträge der angesprochenen Thematik der kamerunisch-deutschen kolonialen und postkolonialen Beziehungen. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem komplexen Thema wird mit dieser Ausgabe unserer Zeitschrift erst eröffnet.

Der historische Beitrag von Jean-Pierre Félix-Eyoum, Stefanie Michels und Joachim Zeller dekonstruiert die Geschichte der Douala, wie sie bisher von der kolonialen Anthropologie und Historiographie dargestellt wurde. Die für die ‚Kolonialbibliothek’ erfundenen Begriffe wie „Stamm“, „Klan“ und „Sippe“, um die afrikanischen Nationsvorstellungen von europäischen abzugrenzen und sie als minderwertig abzustufen, wird an den widersprüchlichen aufoktroyierten Würdebezeichnungen wie „Häuptling“, „King“ und „Prinz“ sichtbar. Segmentäre Gesellschaften werden mit machtzentrierten verwechselt und umgekehrt. Als kleines Haupt (Häuptling) wurde nicht erwartet, dass afrikanische Herrscher nach Deutschland kamen und gezielt dem Kaiser persönlich eine Petition einreichen wollten. Dadurch entsprachen sie nicht mehr der Erwartung des ‚echten’ Afrikaners. Der Beitrag zeigt die komplexen Familienbeziehungen zwischen den Duala und ruft den Leser zu einer neuen Leserart des bisher missdeuteten Kapitels der kamerunisch-deutschen Geschichte.

Paulette Reed-Anderson argumentiert ähnlich. Sie zeigt an der Person des Kolonialmigranten Martin Dibobe, dass der Kolonialdiskurs des ‚trägen‘ und ‚unselbstständigen‘ Eingeborenen, eher ein Wunschdenken der Kolonisten war. Martin Dibobe verstand seine Rolle in der Kolonialmetropole als Botschafter des eigenen Volkes. In diesem Sinne überbrachte er dem Reich eine in 32 Punkten formulierte Beschwerde- Schrift der Duala. Die Schrift stellte die Bedingungen für eine weitere Zusammenarbeit der Deutschen mit Kamerunern dar.

Pierre N. Kodjio seinerseits geht auf das Thema der so genannten deutschen Kolonialkritiker ein, deren Haltung zwischen Paternalismus und Exotismus liegt. Am Beispiel publizistischer Schriften von Hans Paasche zeigt er, wie der Diskurs solcher Kritiker weder den antikolonialen Kampf förderte, noch gänzlich den Pangermanismus in Frage stellte. Damit Der Begriff Kolonialmigrant, der oft von Historikern benutzt wird, ist unpassend. Hier wird darauf hingewiesen, dass die Kameruner, die sich in der Kolonialmetropole aufhielten, keine Migranten waren, auch wenn sie so bezeichnet werden. Sie waren Deutsche bzw. „eigene“ Landsleute aus Kamerun, was ihren inferioren Status als Bürger zweiter Klasse näher beschrieb. wird das Kapitel der deutschen Kolonialära abgeschlossen und das der postkolonialen aufgeschlagen.

Albert Gouaffo und Esaïe Djomo widmen sich der Dokumentation und der Nachwirkung der kolonialen Erfahrung in der nachkolonialen Zeit. Während der eine die Möglichkeit erwägt, dem Nachtrauern kolonialer Erfahrung ein Ende zu geben, versucht der andere die Reproduktion der kolonialen Prügel-, Straf- und Raubkultur in post-kolonialen Texten herauszuarbeiten. Indem sich der Kolonisierte mit den Wertvorstellungen und Verhaltenmustern seines „Herrn von Gestern“ identifizierte, agierte er als Gefangener einer „schwarzen Pädagogik“ und fungierte somit als „Söldner im eigenen Land“. Die Kolonialherren sind weg, aber sie verfügen immer noch über ihre „treuen Askari“, die sie von Europa aus nach Belieben fernsteuern.

Ute Fendler zeigt in ihrem filmanalytischen Beitrag Parallelen zwischen den kolonialen und postkolonialen Stereotypisierungen des „sichtbaren“ Fremden in Deutschland. Der Protagonist des Films, Frédéric Otomo, braucht sich nicht vorzustellen. Er könnte ein Kameruner mit „deutschem Pass“ sein, aber darum geht es nicht im Film. Sein Äußeres, um sich der Stereotypen zu bedienen, verortet Otomo in Afrika und genau in Kamerun. Die Gewalt, der der Kameruner in der deutschen Gesellschaft zum Opfer fällt, und die Leichtigkeit, mit der im Film damit umgegangen wird, zeigt das Geflecht aus Wahrnehmungen und Verhaltensweisen gegenüber Fremden in Deutschland auf, das unterschwellig und fein mitläuft. Der Fremde wird in Deutschland, so die Analyse, geduldet.

Die Beiträge von Lutz Götze, Jean-Claude Bationo und Bernard Farenkia Mulo gehen zwar nicht direkt auf die formulierte Thematik ein, aber sie behandeln die interkulturellen Verflechtungen der afrikanisch-deutschen kulturellen und wissenschaftlichen Beziehungen. Der Beitrag von Lutz Götze zum „Kulturbegriff“ insistiert auf der Notwendigkeit eines normativen Kulturbegriffs in den kulturwissenschaftlichen Auseinandersetzungen, da die bisher angebotenen Definitionen allzu umfassend, beliebig und unverbindlich seien. Er schlägt deshalb einen Kulturbegriff vor, der auch genauso weit aufgefasst ist, aber über Kulturen hinaus verbindlich sein soll, denn der so konzipierte Kulturbegriff orientiere sich an der allgemeinen Erklärung von Menschenrechten von 1948, die von den meisten Ländern der Welt unterzeichnet worden ist. Dieser Kulturbegriff sei dann zugleich ethisch-normativ und kulturspezifisch-deskriptiv. Jean-Claude Bationo greift die Diskussion über „Interkulturalität“ als didaktischen Ansatz im Fremdsprachenunterricht auf und zeigt, wie dieser Ansatz für die Stiftung des Deutschunterrichts in einem multikulturellen Raum wie in Burkina Faso fruchtbar gemacht werden kann. Im Hinblick auf den Fremdsprachenunterricht geht Bernard Mulo Farenkia auf den Problemaspekt der Satzarten im Deutschen ein. Wie viele Satzarten gibt es? Wie lassen sie sich bezeichnen, beschreiben und klassifizieren? Diese Uneinheitlichkeit führt zu sprachdidaktischen Problemen, in denen der Verfasser Klarheit zu schaffen versucht.

Albert Gouaffo
November 2005